Puppvisit
Das Beitragsbild wurde mit Unterstützung von Künstlicher Intelligenz (ChatGPT) erstellt.
Bohnensopp – oder: Warum man Omas Ratschläge bis zum Ende anhören sollte
Es gibt im norddeutschen Raum – besonders in Ostfriesland – einen alten Brauch rund um die Geburt eines Kindes.
Etwa vier bis sechs Wochen vor dem errechneten Termin wird die Bohnensopp angesetzt. Trotz ihres Namens hat sie mit Bohnen oder Suppe überhaupt nichts zu tun. In ein großes Glas kommen Rosinen, brauner Kandis und reichlich Weinbrand. Dann heißt es: warten.
Wenn das Baby geboren ist und Familie, Freunde und Nachbarn zur Puppvisit erscheinen, bekommt jeder ein kleines Gläschen davon. Die Rosinen haben sich inzwischen ordentlich mit Weinbrand vollgesogen und sorgen zusammen mit der süßen Flüssigkeit für gute Stimmung.
So weit die Theorie…
Ich hatte den Brauch allerdings nur mit halbem Ohr gehört.
Also dachte ich mir ganz vorbildlich: „Na, wenn man schwanger ist, setzt man die Bohnensopp an.“ Gesagt, getan.
Nur hatte ich einen kleinen Denkfehler.
Ich setzte sie nicht vier bis sechs Wochen vor der Geburt an, sondern gleich, als ich von der Schwangerschaft erfuhr.
Neun Monate sind eine verdammt lange Zeit.
Zwischendurch musste ich immer wieder Weinbrand nachgießen, weil die Rosinen den guten Stoff literweise aufgesogen hatten. Die wurden immer größer. Erst wie Weintrauben, dann fast wie Pflaumen.
Als endlich die Puppvisit stattfand, war mein Glas mit den dicken Rosinen und dem Weinbrand ein kleines chemisches Wunder.
Und die Puppvisit selbst war jedes Mal etwas ganz Besonderes. Kaum hatte sich herumgesprochen, dass das Baby da war, klingelte es fast täglich an der Tür. Tanten, Onkel, Nachbarn, Freunde – und natürlich die frischgebackenen Omas und Opas – wollten den neuen Erdenbürger endlich kennenlernen.
Das Baby wurde bestaunt, die winzigen Händchen bewundert und jeder behauptete mit fester Überzeugung zu wissen, wem das Kind ähnlich sah. Die einen erkannten die Nase vom Vater, die anderen das Kinn der Mutter, und irgendeine Tante entdeckte garantiert die Augen vom Urgroßvater.
Besonders lustig wurde es, wenn die Großeltern versuchten, dem kleinen Wurm ein Lächeln zu entlocken. Da wurden Grimassen geschnitten, geschnalzt, gepfiffen und die erstaunlichsten Verrenkungen gemacht. Manche klapperten mit dem Gebiss, andere zogen die verrücktesten Gesichter oder quietschten wie ein Gummientchen. Und wenn das Baby dann tatsächlich einmal gluckste oder sogar lachte, waren alle überglücklich – als hätten sie gerade den Hauptgewinn im Lotto gezogen.
Währenddessen saßen die Erwachsenen gemütlich beisammen, tranken ihr Gläschen Bohnensopp, naschten die eingelegten Rosinen und erzählten Geschichten. Es wurde gelacht, gefachsimpelt und natürlich gab es jede Menge gut gemeinte Ratschläge für die jungen Eltern – ob sie nun danach gefragt hatten oder nicht.
Heute ist dieser schöne Brauch leider seltener geworden. Eigentlich schade. Denn eine Puppvisit war viel mehr als nur ein Besuch. Sie war ein herzliches Willkommen für ein neues Familienmitglied und ein Anlass, gemeinsam Freude zu teilen – mit einem kleinen Gläschen Bohnensopp in der Hand.
Und falls ihr das traditionelle Rezept einmal ausprobieren möchtet – man kann die Bohnensopp nämlich auch ganz ohne Puppvisit genießen – dann findet ihr es hier auf Jadefarben:


