Rauschende Wellen

Die Dachluke

Diese Geschichte beruht auf meinen persönlichen Erinnerungen an die Sturmflutnacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 in Voslapp bei Wilhelmshaven.

Ich war acht Jahre alt und wohnte mit meinen Eltern und vier Geschwistern in der Tiarksstraße in Voslapp. Hinter unserem Haus endete der Garten direkt am Deich. Nur dieser Deich trennte unser Zuhause von der Nordsee.

Am Abend des 16. Februar 1962 wurde der Wind immer stärker. Er pfiff um das Haus, rüttelte an den Fenstern und heulte durch jede Ritze. Die Erwachsenen sprachen nur noch über den Sturm und das steigende Wasser. Mein Vater zog seine wetterfeste Kleidung an und verließ das Haus. Zusammen mit den Nachbarn sollte er den Deich sichern.

Ich stand an der kleinen ovalen Dachluke unseres Hauses. Sie war nach oben geöffnet und gab den Blick direkt auf den Deich frei. Davor standen zwei große Birken, deren Kronen sich im Sturm bogen, als wollten sie gleich abbrechen. Es war Vollmond. Zwischen den schnell ziehenden Wolken fiel sein kaltes Licht auf das Wasser.

Und dann sah ich etwas, das ich nie vergessen werde.

Das Wasser stand oben auf der Deichkrone.

Im silbrigen Mondlicht glitzerte es unheimlich. Eigentlich war es wunderschön – und genau deshalb so furchteinflößend. Das Meer war dort, wo es niemals hätte sein dürfen.

Kurz darauf brachte uns unser Opa fort. Meine Mutter,meine Oma, meine vier Geschwister und ich kamen bei einer Tante in Roffhausen in Sicherheit. Mein Vater blieb zurück.

Damals besaß längst nicht jeder ein Telefon. Niemand konnte nachfragen, niemand wusste, wie es den Angehörigen draußen auf dem Deich ging. Unsere einzige Verbindung war das Radio.

Die ganze Nacht saßen wir um das Radio und hörten die Live-Berichte von Radio Norddeich. Immer wieder meldeten die Sprecher neue Wasserstände, berichteten von der Sturmflut und von den Deichen, die dem gewaltigen Druck kaum noch standhielten.

Meine Mutter weinte oft.

Ich lag mit meinen vier Geschwistern im Ehebett unserer Tante. Draußen tobte der Orkan. Das Haus knarrte bei jeder Böe. Keiner von uns konnte schlafen. Immer wieder lauschten wir den Nachrichten – und warteten auf irgendein Zeichen, dass unser Vater in Sicherheit war.

Doch es kam keines.

Während wir warteten, kämpften draußen Hunderte Menschen gegen das Meer.

Auch hinter unserem Haus hatte sich die Lage dramatisch zugespitzt. Im Deich drohte ein riesiges Loch aufzureißen. Immer neue Sandsäcke wurden herangeschafft. Männer aus der Nachbarschaft bildeten Ketten, schleppten Sack um Sack durch Regen, Gischt und Orkanböen. Unter ihnen war auch mein Vater.

Zeitweise schützte nur noch etwa ein Meter Deichwand unseren Ort Voslapp vor den tosenden Wassermassen.

Jeder wusste: Würde der Deich brechen, würde das Wasser ungehindert in den Ort schießen.

Erst als am Morgen des 17. Februar 1962 langsam die Sonne aufging, ließ der Wind nach. Im Radio wurde gemeldet, dass die größte Gefahr überstanden sei. Das Wasser begann langsam zurückzugehen.

Doch von unserem Vater fehlte immer noch jede Spur.

Mein Opa brachte uns schließlich zurück nach Hause.

Die Straßen waren voller erschöpfter Helfer. Auf dem Deich arbeiteten immer noch Männer mit Sandsäcken. Das riesige Loch musste weiter gesichert werden. Unser Haus stand noch. Die Häuser der Tiarksstraße standen noch.

Aber mein Vater war nicht da.

Erst gegen Mittag kam er nach Hause.

Völlig erschöpft. Durchnässt. Schmutzig. Kraftlos.

Er und viele Nachbarn hatten die ganze Nacht gekämpft.

Sie hatten es geschafft.

Sie hatten den Deich gehalten.

Sie hatten verhindert, dass die Nordsee unser Zuhause verschlang.

Die große Sturmflut vom 16. und 17. Februar 1962 forderte in Deutschland über 340 Menschenleben, allein in Hamburg starben mehr als 300 Menschen. Auch an der Jade standen die Deiche unter gewaltigem Druck. In Wilhelmshaven und Voslapp blieb eine Katastrophe nur deshalb aus, weil unzählige Helfer die ganze Nacht unermüdlich Sandsäcke schleppten und die Deiche sicherten.

Zu diesen Helfern gehörte auch mein Vater.

Wenn ich heute, mehr als 64 Jahre später, an diese Nacht zurückdenke, sehe ich nicht zuerst den Sturm. Ich sehe auch nicht die Sandsäcke oder die erschöpften Männer auf dem Deich.

Ich sehe das silbern schimmernde Wasser auf der Deichkrone.

Ich höre das Heulen des Windes, das Knacken der Birken und das leise Rauschen des Radios, an dem wir die ganze Nacht auf eine Nachricht warteten.

Und ich sehe sie vor mir – die kleine Dachluke, durch die ich als achtjähriges Mädchen hinaus in die stürmische Nacht blickte.

Von dort aus sah ich zum ersten Mal, wie mächtig das Meer sein kann. Aber ich sah auch, was Menschen gemeinsam schaffen können, wenn sie füreinander einstehen.

Mein Vater und viele Nachbarn retteten in dieser Nacht nicht nur einen Deich.

Sie retteten unser Zuhause.

Seit jener Nacht ist die Dachluke für mich mehr als nur ein Fenster. Sie ist der Blick zurück in eine Nacht, die ich niemals vergessen werde.