Hinter dem Horizont
Die Sonne senkte sich langsam über den Jadebusen und tauchte den Himmel in warmes Orange und Rot. Das Wasser war so ruhig, dass es aussah, als hätte jemand einen riesigen Spiegel zwischen Himmel und Erde gelegt.
Am Ufer saß Tim. Auf seinem Schoß hielt er die Fernsteuerung für sein kleines Segelboot. Es war kein gewöhnliches Spielzeug. Sein Opa hatte es vor vielen Jahren selbst gebaut – aus Holz, mit winzigen Segeln aus altem Leinen und einem kleinen Anker aus Messing.
»Pass gut darauf auf«, hatte Opa immer gesagt. »Dieses Boot findet seinen Weg. Man muss ihm nur vertrauen.«
Seit Opa nicht mehr da war, kam Tim oft an diesen Platz. Er setzte das Boot vorsichtig ins Wasser und stellte sich vor, Opa würde irgendwo hinter dem Horizont segeln.
An diesem Abend geschah etwas Merkwürdiges.
Kaum glitt das Boot über das Wasser, begann es sich ganz von allein auf die untergehende Sonne zuzubewegen. Tim schaute auf die Fernsteuerung. Der Hebel stand still. Er drückte vorsichtig nach links – nichts. Nach rechts – nichts.
Das Boot folgte seinem eigenen Kurs.
Verwundert sprang Tim auf. Doch bevor er etwas unternehmen konnte, glitt eine Möwe laut rufend über das Wasser, als wolle sie ihm sagen, dass alles seine Richtigkeit hatte.
Mitten auf dem Wasser blieb das kleine Segelboot plötzlich stehen.
Die letzten Sonnenstrahlen trafen genau das weiße Segel. Für einen kurzen Augenblick leuchtete es golden. Im gleichen Moment glaubte Tim, eine Gestalt auf einem weit entfernten Schiff zu erkennen. Ein alter Mann hob die Hand zum Gruß.
Tim blinzelte.
Als er wieder hinsah, war das Schiff verschwunden.
Nur das kleine Segelboot lag noch ruhig auf dem Wasser.
Langsam ließ es sich wieder steuern und kehrte ganz von allein ans Ufer zurück.
Im Boot lag etwas, das vorher nicht dort gewesen war: eine kleine Muschel. Innen schimmerte sie wie Perlmutt. Als Tim sie ans Ohr hielt, hörte er kein Meeresrauschen.
Er hörte Opas Stimme.
„Solange du träumen kannst, bin ich nie ganz fort.“
Tim lächelte. Eine Träne lief über seine Wange, doch diesmal war sie voller Wärme.
Seit diesem Abend segelte das kleine Boot jeden Sommer bei Sonnenuntergang hinaus. Manchmal kam es mit einer Feder zurück. Manchmal mit einem glatt geschliffenen Stein. Ein anderes Mal mit einer Muschel.
Und Tim wusste: Es waren keine Zufälle.
Es waren kleine Grüße von all den Menschen, die wir nicht mehr sehen können, die aber irgendwo hinter dem Horizont weiter über ruhige Gewässer segeln.
So erzählt man sich bis heute, dass man an ganz stillen Abenden, wenn die Sonne den Himmel rot färbt, manchmal ein kleines Segelboot über das Wasser gleiten sieht – und dass jeder, der genau hinschaut, jemanden wiederfindet, den er längst verloren glaubte.